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Gesellschaft

Alleingelassen und schlecht ausgerüstet: Bildung in Zeiten von Corona

Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie in Deutschland im Frühjahr 2020 wurden verschiedenste Maßnahmen ergriffen, um das neuartige Virus einzudämmen. Unter anderem waren die Schulen und Kitas in unserem Land betroffen, welche im März mit als erstes schließen mussten. Die Folge dieser Schulschließungen war eine alltägliche Herausforderung für Schüler*innen und Lehrkräfte, welche eigenständiges Lehren und Lernen von zu Hause aus im virtuellen Raum kennenlernen und realisieren mussten.

Dies gestaltete sich jedoch schwieriger als gedacht. Durch die fehlenden Investitionen in die Bildung und die daraus resultierenden Unterschiede bei den Lernvoraussetzungen der Schüler*innen war ein funktionierender, rein digitaler Unterricht, welcher für alle Teilnehmende einwandfrei funktioniert, nicht möglich. Der Grund? Einige Schüler*innen haben weder die technische Möglichkeit noch die digitalen Kompetenzen, um am Online-Unterricht teilzunehmen. Laut einer Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft haben nur knapp 28 Prozent aller zwölfjährigen Schüler*innen einen eigenen Computer zur Verfügung. Bei Kindern aus sozioökonomisch schwächeren Familien liegt der Anteil nur bei 15 Prozent. Viele Schüler*innen bearbeiten die von der Lehrkraft per E-Mail gestellten Aufgaben auf dem Papier und schicken ihre Ergebnisse per Smartphone zurück.

Eine weitere Herausforderung für die Kinder in unserem Land war und ist die Hürde des selbstorganisierten Lernens. Laut einer Studie des ifo Bildungsbarometers 2020 hat sich die Zeit, die Schulkinder mit schulischen Aktivitäten verbracht haben, von 7,4 auf 3,6 Stunden täglich halbiert. Die Zeit, die sie mit schulischen Aktivitäten verbracht haben, mussten sie in selbstständiger Arbeit verbringen. Mehr als die Hälfte der Schüler*innen hatte seltener als ein Mal pro Woche einen gemeinsamen Online-Unterricht mit einer Lehrkraft im Klassenverbund. Nur 6% hatte täglichen Online-Unterricht. Fast alle Schüler*innen (96%) erhielten wöchentlich Aufgaben zur Bearbeitung. Das bedeutet, dass sich fast alle Schüler*innen den Unterrichtsstoff selbst beibringen oder die Eltern dafür herhalten mussten. Dies führte zu einer stärkeren Ungleichheit zwischen den Schüler*innen . Kinder aus Akademikerhaushalten hatten es hier deutlich leichter, weil oft Elternteile zu Hause in Home-Office arbeiteten und mit dem Unterrichtsstoff eher vertraut waren. Kinder aus Nicht-Akademikerhaushalten und mit Eltern in systemrelevanten Berufen traf es hier schwerer, weil sie bei der Bearbeitung der Aufgaben meistens auf sich allein gestellt waren.

Neben der Herausforderung des Distanzlernens waren die meisten Heranwachsenden von eingeschränkter Freizeitgestaltung betroffen. Sie konnten ihre Freunde, Großeltern oder andere wichtige Bezugspersonen nur sehr begrenzt oder gar nicht sehen, der Vereinsbetrieb wurde eingestellt und die Freizeiteinrichtungen mussten schließen. Die Folge daraus war, dass die mit Tätigkeiten wie Fernsehen, Computerspielen und Handy verbrachte Zeit von 4 auf 5,2 Stunden täglich gestiegen ist.

Nach den monatelangen Schulschließungen kam es dann im Mai zu den schrittweisen Öffnungen. Die Abschlussklassen und die jüngeren Schüler*innen durften wieder in die Schule. Der Rest hatte meist Wechselunterricht in geteilten Klassen. Nach den Sommerferien startete dann der reguläre Schulbetrieb bis zum vergangenen Dezember.

In dieser Zeit wurden die Folgen der coronabedingten Schulschließungen sichtbar und es war durchaus absehbar, dass es eine zweite Welle der Pandemie geben wird. In dieser Zeit hätten die Kultusminister der jeweiligen Länder Konzepte für erneute Schulschließungen und digitalen Unterricht erstellen müssen, damit die Schulen auf eine zweite Welle vorbereitet sind. Leider wurde diese Gelegenheit in allen Bundesländern nicht genutzt. An vielen Schulen herrschten die Zustände wie vor der Pandemie, ohne umfassende Hygienemaßnahmen, außer das allseits bekannte Lüften der Klassenräume. Als sich das Jahr dem Ende zuneigte und die Temperaturen runter gingen, wurde weiter auf das bekannte Mittel Lüften zurückgegriffen, sodass die Bilder von Schüler*innen mit Mütze und Schal im Unterricht entstanden. Darüber hinaus standen die Schulen vor dem Problem, genug Lehrkräfte für den Präsenzunterricht bereit zu stellen. Durch den sich verschärfenden Lehrkräftemangel und den hohen Altersdurchschnitt der Lehrkräfte ist der Anteil der Lehrkräfte, welche zur Risikogruppe gehören, relativ hoch.

Als die Inzidenzen bei den Infektionszahlen massiv stiegen und die vorhergesagte zweite Welle eintrat, wurden die Schulen im Dezember kurz vor den Weihnachtsferien wieder geschlossen und das gleiche Spiel ging wieder von vorne los. Obwohl man aus den Erfahrungen des ersten Lockdowns hätte lernen können, musste man wieder zum scharfen Schwert der Schulschließungen greifen. Der einzige Unterschied war nun, dass vermehrt auf Bildungsportale, wie Moodle, Sharezone usw. zurückgegriffen wurde, die allerdings in den ersten Tagen prompt zusammengebrochen sind.

Seit dem Ferienende im neuen Jahr sitzen wieder Millionen Schüler*innen zu Hause im Homeschooling, nur die Abschlussklassen dürfen in einigen Bundesländern wieder zur Schule. Angesichts des aktuellen Infektionsgeschehens im Land ist diese Regelung wohl vernünftig, aber nur in den allgemeinbildenden Schulen, welche nur ein paar Abschlussklassen haben. Nicht berücksichtigt bei diesen Entscheidungen wurden bei diesen Ausnahmen die berufsbildenden Schulen, denn dort gehören ca. 2/3 der Schüler*innen zu den Abschlussklassen. Aus diesem Grund beklagt sich der Bundesverband der Lehrkräfte für Berufsbildung zurecht, weil diese Schulform in Zeiten von 7-Tage Werten jenseits von 200 ca. 2/3 der Schüler*innen in Präsenz unterrichten muss und damit einem massiven Risiko ausgesetzt sind.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Probleme in der Bildungspolitik unseres Landes in der Corona-Pandemie verstärkt an die Oberfläche traten. Fehlende digitale Lern- und Lehrmittel für Schüler*innen und starke sozioökonomische Ungleichheit führen während der Schulschließungen im Ergebnis, wenig überraschend, zu einer stärkeren Ungleichbehandlung. Die Folge daraus sind überforderte Lehrkräfte und Schüler*innen, die irgendwie mit der Situation mehr schlecht als recht klarkommen müssen. Hier hat die Politik in den letzten Jahren versagt und es bleibt nur zu hoffen und dafür zu kämpfen, dass nach der Pandemie deutlich mehr in die Bildung unseres Landes investiert wird. Insbesondere in eine ausreichende digitale Infrastruktur in den Schulen muss mehr Geld fließen, um unseren Schüler*innen nach Corona eine bessere und gerechtere Bildung bieten zu können.

David

Von Nadine Hofmann

Nadine ist 20 Jahre alt und Lehramtsstudentin für berufsbildende Schulen. Seit 2017 ist sie in der SPD und seit 2020 stellvertretende Landesvorsitzende der Jusos in Sachsen-Anhalt. Sie interessiert sich für Bildungspolitik, gleiche Lebensverhältnisse in Stadt und Land und die politische Partizipation junger Menschen. Sie tritt bei der Landtagswahl 2021 in Sachsen-Anhalt als Kandidatin an.