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Gesellschaft Ostdeutschland

Meine kleine Ostgeschichte – Eine Solidaritätsnovelle

Als spät- bis postkapitalistisches Experimentierfeld bezeichnete der Publizist und Autor Christian Bangel den Osten. Für mich ist der Osten meine Heimat. Ich bin hier im Elbtal zur Welt gekommen. Hier habe ich meine Kindheit erlebt, in der Schule MINT gebüffelt und im Studium in Dresden meinen Horizont über das Elbtal hinaus erweitert. Ich bin Tochter syrischer Einwander:innen. Meine Eltern kamen ein paar Jahre vor der Wende nach Deutschland, genauer in die DDR. In der beschaulichen Gemeinde Klipphausen außerhalb der Dresdner Tallagen leben sie noch heute. 

Wie es ist, als Mensch mit offensichtlichem Migrationshintergrund in Dresden aufzuwachsen, muss ich wohl niemandem erklären. Sobald mensch nicht in den augenscheinlichen sächsischen Phänotyp passt, ist mensch irgendwie außen vor. Das Gefühl, ständig um Akzeptanz zu kämpfen, irgendwie unter Beobachtung zu stehen und fremd zu sein, begleitet mich schon mein ganzes Leben. Früher fiel es mir schwerer, heute gehe ich selbstbewusst damit um. Denn hey, wir sind alle Menschen. Egal, wie wir aussehen. Egal, wo wir herkommen. 

Leider – und das bringt mich an den Anfang meines Beitrages zurück – sind wir im Osten auch 30 Jahre nach der Wende nicht so weit, dass wir ohne Rucksack durchs Leben gehen. Ich wurde nach der Wende geboren. Klassische Generation Merkel. Der Weg bestimmt durch Rucksäcke, die eine ganze Generation mit sich herumträgt. Ein Rucksack voller Ungerechtigkeiten. Gut gefüllt mit Ungleichheit, reichlich Kränkungen und zerstörten Träumen. Festgefahren in einer sozialen Schicht, welcher der soziale Aufstieg schwer gemacht wird und die jeden Tag um ein Stück vom Kuchen kämpfen muss. 

Ich kämpfe.

Ja, die Voraussetzungen im Osten sind andere. Hier gibt es weniger Privateigentum. Die Vermögen sind geringer als im Westen. Erbschaftsbiografien gibt es kaum. Mietwohnung, 40-Stunden-Woche im Dienstleistungssektor, Mindestlohn und leider auch Grundsicherung sind hier wesentlich verbreiteter als Mittelstandsvermögen. Der kleine Mittelstand möchte lieber in Ruhe gelassen werden von Politik, gesellschaftlicher Beteiligung und Engagement. Kaum woanders ist die Gewerkschafts- und Parteienbindung so gering wie hier. Ein grundlegender Skeptizismus gegenüber staatlicher Einflussnahme wird von der Wendegeneration an ihre Kinder weitergeben. Aufregung gibt es meist nur, wenn es an das kleine bisschen Wohlstand geht, das mensch sich mühsam erarbeitet hat. Hartz IV ist ein Stigma, das viele als abwertendes Beispiel nehmen, so nicht enden zu wollen. „Geht doch mal lieber arbeiten, ihr Schmarotzer“, bekommt dann schnell zu hören, wer einmal den Stempel bekommen hat. Nachsicht und ein kleines bisschen Genügsamkeit? Fehlanzeige. 

Für viele führt der Weg der Ausgrenzung und des persönlichen Abschottens schnell in die Arme einfacher Antworten. Nirgends in Deutschland gibt es so gefestigte rechtsextreme Strukturen wie in Sachsen. Einem Viertel der Wähler:innen ist es augenscheinlich egal, dass mit der AfD eine rechtsextreme Partei in den Landtagen jeden Tag ein bisschen mehr die Gesellschaft zersetzt, gesellschaftliche Brüche verstärkt und auf persönlichen Profit aus ist. Super Voraussetzungen, um die Herausforderungen der Konsolidierung der Wendezeit anzugehen – Ironie off. 

Dabei muss mensch wissen, dass das Verleugnen von rechtsextremen Umtrieben hier eine sehr lange Tradition hat. Sie reicht zurück bis in eine Zeit, als der „antifaschistische Schutzwall“ noch lange stand: In der DDR konnte nicht sein, was nach Staatsdoktrin nicht sein durfte. Und unter Biedenkopf waren die Sachsen dann ja gleich immun gegen Rechtsextremismus. Auf die SED folgte nach der Wende mit der sächsischen Union eine neue Staatspartei auf dem Fuße. Die CDU hielt Politik fern von den Menschen, sie sollten sich nicht darum kümmern; die neue Staatspartei übernimmt. Politische Bildung oder das Anleiten zum gesellschaftlichen Engagement? Fehlanzeige – bestenfalls aus falscher Rücksichtnahme auf die Erfahrungen der ehemaligen DDR-Bürger:innen, die sich politischer Vereinnahmung kaum entziehen konnten. Um die Existenzängste, entstanden durch die Folgen der Transformation eines maroden sozialistischen Wirtschaftssystems hin zu einem kapitalistischen, kümmerten sich die neuen Regierenden allerdings genauso wenig. Der Frust auf die Markwirtschaft wandelte sich so schnell zu tiefsitzenden Zweifeln an der Demokratie. Die bis heute anhaltende Kränkung hierüber im Osten Kolleg:innen zweiter Klasse zu sein, ist da auch nicht gerade vertrauensfördernd. Das soll keine Entschuldigung sein für die Teils tiefsitzenden demokratiefeindlichen Tendenzen in Sachsen. Will mensch allerdings verstehen, warum der Karren hier tief im Dreck sitzt, kommen wir um eine knappe historische Einordnung nicht herum.

Die Sozialdemokratie hat sich in den letzten 30 Jahren in Sachsen schwergetan, ihre Rolle zu finden. Zwischen einer strukturkonservativen Mehrheit rechts und einer sozialistischen Nachfolgerpartei wurde sie zu einer Partei unter zehn Prozent zerrieben. Die Schwäche der sächsischen SPD war dem Vertrauensverlust der SPD im Bund 10 Jahre voraus. Eine stolze Partei zerkleinert auf einen kleinen wackeren Rest – aber überzeugt, für das Richtige zu kämpfen. Und kämpfen kann die SPD in Sachsen. Dem Schwarzen Tanker CDU wurde in der Koalition nicht selten der Rost poliert: Bildungsticket, Gemeinschaftsschule, der Stopp des Personalabbaus im Staat und das Umdenken hin zu einer Investitionspolitik wären hier immer noch sozialdemokratische Luftschlösser, wenn sie nicht durch aufopferungsvolle Genoss:innen umgesetzt worden wären. 

Wir kämpfen. 

Und dabei fängt gefühlt doch jedes Gespräch, das ich mit Menschen außerhalb von Sachsen führe, immer erst einmal mit einer Erdung an. Aber was machen wir nun daraus? In einem nicht kleinen Teil des Mitte-Links-Lagers ist eine Reaktion darauf der Rückzug. Kopfschütteln, „Sucksen“-Stempel drauf und ab zu wichtigeren Dingen. Ein linker Biedermeier, wenn mensch so möchte. Andere wiederum begegnen dem mit Insel-Engagement. In einem kleinen Verein das bisschen schöne, das es hier gibt, aufrechterhalten. Nicht verzagen, sondern die Heimat jeden Tag ein bisschen besser machen. Nach vorne sehen, den ganzen Rucksack, den mensch hier sowieso die ganze Zeit mit sich herumschleppt, einfach mal nicht so schwer werden lassen. Jeder und jede, die oder der hier kämpft, egal auf welche Weise, hat unheimlichen Respekt verdient. Sie sind es, mit deren sich gern geschmückt wird, die aber viel zu selten wirkliche Anerkennung durch politische Rückendeckung erfahren. 

Als Nachwende-Pflanze hatte meine Blüte immer noch leichte Startschwierigkeiten. Wo sich verorten in der ostdeutschen politischen Landschaft mit ihren Belastungen? Ich kann nichts für die Kränkungen, die in der Vergangenheit liegen. Ich will mir diese auch nicht zu eigen machen. Gleichwohl nehme ich diese wahr. Ich spüre, dass es unheimlich viel zu tun gibt. Deshalb will ich nach vorne sehen und testen, was möglich ist. Solidarität muss mensch wollen. Beschweren, dass es dann nicht genau so kommt, darf mensch sich aber nicht beim falschen Adressaten. Die SPD ist schuld an allem Schlechten, was passiert, bekommt mensch dann schnell zu hören. Ihr habt nicht dies, ihr habt nicht das und was ihr sowieso nicht alles versprochen habt und was dann doch nicht gekommen ist. Und dann hört mensch schon das Surren der Hartz-IV-Keule. 

Geht es im postkapitalistischen Experimentierfeld Ost aber immer nur darum, auf andere zu gucken, sein bisschen Wohnstand zu verteidigen und sei es durch das stille Legitimieren nazistischen Gedankengutes? Ich denke nicht. Wenn es stetig nur darum geht, im Postkapitalismus romantisierend den Kapitalismus zurückzuwollen und alles Soziale über den Haufen zu werfen, dann mögen diese Menschen bitte gerne immer weiter querdenkend auf dem Külz-Ring in Dresden Corona-Polonaise tanzen. Ich bin dann aber raus. 

In Dresden hat mensch sich in den letzten Jahren intensiv mit der Sanierung des Fernsehturms beschäftigt. Der ausrangierte Sendeturm am Elbhang soll nun mit ca. 70 Millionen Euro Steuergeld reaktiviert und zugänglich gemacht werden. 70 Millionen Euro. Das sind acht Kitas, drei Schwimmbäder und was weiß ich wie viele Radwege. Ich will damit sagen: Wenn mensch nicht selbst entscheidet, dann tun es am Ende die Anderen. Und bei uns im Osten – und gerade hier im schwarzen Sachsen – gibt es zu viele Menschen, für die Solidarität bedeutet, mit dem Auto im Altbauviertel vor dem Haus parken zu müssen. Für die Radwege Verkehrshindernisse sind. Für die der Klimawandel eine Erfindung der Eliten und der Mindestlohn ein Bremsschuh für das Unternehmer:innentum ist. Echte Solidarität und gesellschaftlicher Zusammenhalt muss bei uns jeden Tag erkämpft werden.

Ich kämpfe. 

Ich kämpfe darum, dass alle alles werden können. Dass nicht deine Erbschaft darüber entscheidet, ob du später mal Vermieter:in wirst. Ich will, dass alle Kinder die gleichen guten Chancen haben. Ich will, dass es ihnen besser geht als ihren Eltern. Und ich will, dass wir im Osten endlich zu einem neuen Selbstbewusstsein kommen. Ich will, dass wir Solidarität nicht als etwas verstehen, was durch politische Maßnahmen einer reichen Minderheit abgetrotzt werden muss. Ich will, dass wir uns als Menschen in Solidarität und Genügsamkeit üben und endlich die alten Stigmata überwinden und anfangen, unsere Umwelt zu gestalten, anstatt zu verwalten. Und wenn sich dabei ein Konservativer auf den Schlips getreten fühlt, dann sei dem so. Und wenn ein Nazi mich auf meine Hautfarbe reduziert, dann möge er weiter in seiner Einfalt baden. Mein Name ist Rasha. Ich bin Tochter syrischer Einwander:innen und Sozialdemokratin in Sachsen. Ich weiß, was kämpfen heißt. Ihr könnt mir gar nichts.

Solidarität fällt nicht vom Himmel, sie muss jeden Tag aufs Neue erkämpft werden! 

Ich kämpfe. 

Von Rasha Nasr

Rasha ist Bundestagskandidatin der SPD Dresden im Wahlkreis 159. Die 29-Jährige Tochter syrischer Einwanderer:innen sitzt im Vorstand der SPD Dresden und hat ein kommunalpolitisches Mandat. Ihre Arbeit als Integrationsbeauftragte in Freiberg hat sie zur Politik gebracht. Seither kämpft sie für soziale Gerechtigkeit und frischen Wind in der Politik.

Für SocialDebates schreibt sie als Gastautorin.