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Gesellschaft

Pride Month in der Pandemie – Sichtbarkeit für queeres Leben schaffen

Im Juni feiern wir den Pride Month. Dass dies ausgerechnet im Juni stattfindet, ist jedoch kein Zufall, sondern erinnert gezielt und bewusst an die sogenannten Stonewall Riots in New York (USA), welche am 28. Juni 1969 begannen.

Damals wurden in den USA systematisch Polizei-Razzien in queeren Begegnungsstätten wie beispielsweise Bars durchgeführt, weil die Auslebung queerer Sexualität und/oder Geschlechtsidentität juristisch als „anstößig“ oder „Erregung öffentlichen Ärgernisses“ bewertet und dementsprechend kriminalisiert wurde.

Ziel dieser Razzien war es, Menschen vom Ausleben ihrer Identität abzuhalten, indem durch die öffentlichkeitswirksame Bekanntmachung der Bilder von Festnahmen in Zeitungen massenhaft fremdbestimmte Zwangsoutings durchgeführt wurden.

Denn im USA der damaligen Zeit war die queere Identität sowohl im Beruf als auch gegenüber Vermieter*innen ein Kündigungsgrund und somit eine konkrete Bedrohung für die Existenz queerer Menschen.

Obwohl das Betreiben einer queeren Bar im Jahre 1969 in New York bereits legal war, ließ der damalige Bürgermeister John Lindsay erneut Razzien durchführen, weil er darauf spekulierte, damit im laufenden Wahlkampf punkten zu können. 

Angefangen bei der Bar „Stonewall Inn“, welche hauptsächlich durch schwarze und lateinamerikanische Menschen mit queerer Identität besucht wurde.

An diesem Punkt spielt sich in meinem Kopf ein Gedankengang ab, der die Intention von John Lindsay, auf Kosten einer diskriminierten Minderheit Wahlkampf zu machen, mit den derzeitigen Äußerungen der AfD, aber auch von den CDU-Politikern Christoph Ploss oder Friedrich Merz über diskriminierungsfreie Sprache vergleicht.

Selbstverständlich hätte es 1969 keinem heterosexuellen, cis-geschlechtlichen Menschen geschadet, die Unterdrückung queerer Menschen zu unterlassen. 

Und auch heute schadet es einem heterosexuellen, cis-geschlechtlichen Menschen nicht, wenn andere Menschen die Verwendung diskriminierungsfreier Sprache bevorzugen, um bei einem Bezug auf die Allgemeinheit die Gesamtgesellschaft auch sprachlich abzubilden, anstatt ausschließlich Männer*.

Es zeigt sich, dass im rechtspopulistischen sowie in Teilen des konservativen Politik- und Parteienspektrums eine bewusste Diskriminierung queeren Lebens stattfindet, die rechtskonservative und rechte Ideologien bedient, um eine entsprechende Wähler*innenschaft einzufangen sowie von sozialpolitischen Debatten wie bezahlbaren Wohnraum oder Arbeitslosigkeit abzulenken und um sich zudem persönlich innerhalb der Partei zu profilieren. 

Dabei wird zu oft ignoriert, welche individuellen Folgen solche Äußerungen für die diskriminierten Betroffenen haben können, da eine antiqueere Politik die gesellschaftliche Akzeptanz signifikant negativ beeinflusst.

Um wieder in das New York von 1969 einzutauchen:

Am Vorabend der Razzia im „Stonewall Inn“ fand die Beerdigung der Queer-Ikone Judy Garland statt, wodurch eine emotionalisierte Stimmung herrschte. Bei der nun durchgeführten, den Barbetreibenden nicht angekündigten Razzia am 28. Juni 1969 um etwa 1:30 Uhr nachts kam es erstmals zu Widerständen gegen die New Yorker Polizei. Menschen warfen mit Flaschen und Steinen nach Polizisten (hier bewusst im Maskulinum), weigerten sich, in Polizeiautos einzusteigen; es entstand eine Schlägerei, in welcher die Polizei aufgrund zahlenmäßiger Unterlegenheit das Nachsehen hatte. 

Dieser Abend ist historisch und wird nie seine emotionale Bedeutung für queere Menschen verlieren. Denn es war der erste Widerstand, der erste große Erfolg im Kampf gegen die Unterdrückung queerer Selbstbestimmung.

Wer heute für die Rechte schwuler oder lesbischer Menschen einsteht, sollte aber auch nie vergessen, dass die ersten Menschen, die bei den Stonewall Riots Widerstand leisteten, schwarze und lateinamerikanische Menschen waren; nicht nur weiße Schwule und Lesben, sondern allen voran Dragqueens und trans* Menschen. 

An dieser Stelle sei auf die bei den Stonewall Riots vorangehenden Marsha P. Johnson und Sylvia Rivera hingewiesen.

In Anbetracht trans*feindlicher Tendenzen möchte ich hiermit daran erinnern, dass die Solidarität mit dem gesamten queeren Spektrum den Charakter der Queerpolitik ausmachen sollte. Das bedeutet, dass auch cisgeschlechtliche, schwul-lesbische Aktivist_innen unbedingt in den Kampf für genderqueere Selbstbestimmung eintreten sollten, was zum Glück auch mehrheitlich der Fall ist.

Die Lage in Deutschland

Nicht nur in internationaler, sondern auch deutscher Betrachtung ist der Juni für queere Menschen ein besonderer Monat. Denn bis zum 11. Juni 1994 wurden homosexuelle Handlungen zwischen Männern* nach § 175 StGB (Strafgesetzbuch) unter Strafe gestellt. Mit diesem Paragraphen wurden im Nationalsozialismus queere Männer* ins Konzentrationslager und in der Nachkriegszeit ins Gefängnis gesteckt.

Dass die Abschaffung dieses Paragraphen erst vor 27 Jahren geschah, ist rückblickend äußerst schwer nachvollziehbar.

Der Pride Month soll selbstverständlich nicht ausschließlich der historischen Aufarbeitung, sondern auch einer Bestandsaufnahme dienen. Im Jahr 2021 stellt sich selbstverständlich die Frage, welche Auswirkungen die Corona-Pandemie auf die queere Community hat.

Die herrschende Corona-Pandemie hat sich auch als das vielzitierte „Brennglas auf die Gesellschaft“ herausgestellt. 

In Zeiten, in denen soziale Kontakte reduziert werden, steigt das Risiko für psychische Erkrankungen, insbesondere durch Einsamkeit verursacht. Die Wahrscheinlichkeit, solche Erkrankungen zu erleiden, ist für Menschen, die schon einmal an Depressionen gelitten haben, deutlich größer, weil für sie oft ein sogenannter Triggerpunkt ausreicht, um wieder in alte, vermeintlich abgestreifte Muster zurückzufallen.

Dass queere Menschen anfälliger für psychische Erkrankungen sind, lässt sich unter anderem dadurch erklären, dass sie dieses Gefühl von Selbstisolation und dem daraus folgendem Mangel an sozialen Kontakten oder Ansprechpartner*innen bereits aus der teilweise jahrelangen Phase kennen, in denen das innere Coming-Out im Gange oder sogar abgeschlossen ist, aber das äußere Coming-Out nicht durchführbar scheint.

Die daraus entstehenden Ängste vor Gewalt, Existenzverlust, sozialen sowie familiären Verstoßungen und sonstigen Diskriminierungsformen führen in der Regel zu selbst gewählten sozialen Isolationen, in denen die Betroffenen emotional auf sich selbst gestellt sind.

In queeren Jugendgruppen erlebe ich aktuell regelmäßig, dass junge, ungeoutete Menschen nicht teilnehmen können, weil sich die Eltern oder Geschwister im Nebenzimmer befinden.

Gerade für diese Menschen hat die Pandemie dazu geführt, dass queere Schutzräume wie queere Zentren, Jugendgruppen oder andere queere Begegnungsorte nicht mehr vorhanden waren, um sich offen austauschen, selbstbestimmt ausleben und beraten lassen zu können. 

Um noch einen anderen Aspekt aufzugreifen: Unabhängig von der Pandemie gibt es Menschen, die sich aus den unterschiedlichsten Gründen nicht zu solchen Orten begeben können. Es gibt Menschen, die sich nicht trauen, die Begegnungsorte nicht kennen oder schlicht in Gebieten leben, in denen solche Angebote (noch) nicht vorhanden sind. Daraus resultiert insbesondere ein Problem für queere Jugendliche im ländlichen Raum. 

Nun gibt es aber auch einen weiteren Faktor des Pride Month, nämlich die Sichtbarkeit. Queere Sichtbarkeit ist insbesondere für die eben genannten Jugendlichen essentiell, weil Mutmachen, positive Bestärkung und Trost speziell in Vorbildern gefunden werden, mit denen sich die Jugendlichen identifizieren können.

Ein offener und öffentlicher Umgang mit der eigenen sexuellen oder geschlechtlichen Identität ist etwas, das ich von keiner Einzelperson erwarten würde. Aber ich möchte trotzdem dazu ermutigen, weil jede queere Person so zu einem Vorbild für Ungeoutete werden kann.

Es werden in heteronormativen Gesellschaftsstrukturen vermehrt Sätze wie „Ach, ich kenne auch einen Schwulen, der wohnt um die Ecke“ geäußert. Frei nach dem Motto „Was der Bauer nicht kennt, frisst er net“ entsteht hier durch den öffentlichen Umgang mit der eigenen queeren Identität eine stärkere Akzeptanz innerhalb der Gesellschaft, die eben nicht ausschließlich durch Gesetze erreicht werden kann.

Seid nicht wie alle anderen, seid bunt, seid stolz, seid laut, seid Vorbilder, seid solidarisch und vor allem offen für die Lebensrealität anderer Menschen. 

Wir sehen uns dieses Jahr hoffentlich auf vielen CSDs!

In diesem Sinne: „Happy Pride!“ 

Von Benedikt Freitag

Benedikt Freitag (Pronomen er/ihn) wurde am 02.12.1998 geboren, studiert Steuerrecht an der hessischen Hochschule für Finanzen und Rechtspflege, ist Mitglied der SPD sowie den Jusos Darmstadt und engagiert sich ehrenamtlich seit einigen Jahren für die queere Community Darmstadt, insbesondere im Bereich der queeren Jugend und des queeren Sports. Er ist in Reinheim im Odenwald aufgewachsen und hat sich im Alter von 19 Jahren als schwul geoutet.